Soul-Jazz Revisited … noch einmal:

QUARTESSENCE am 19.01.05, im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten

»35 Jahre Omnibus«











Hans-Peter Schrettenbrunner, Hans Molitor, Bernd Kremling und Michael Buttmann.

(Foto: Katharina Lüdtke)


Der Name der Veranstaltung kann durchaus als ihr Programm gelesen werden: »35 Jahre Omnibus«, 35 Jahre Live-Musik in Würzburgs wohl etabliertestem Jazz- und Folkclub – das deutet auf Rückblick, auf Bilanz, aber auch auf Traditionspflege hin, auf die bewahrende Erinnerung an die geliebten, leidenschaftlich geförderten und gefeierten musikalischen Spielarten eines halben Lebens.

In dieses Programm fügt sich der Auftritt von Quartessence perfekt und geschmeidig ein. Ihre musikalische Reise führt allerdings zurück in eine Zeit, in der der Omnibus noch lange nicht zur Jam-Session geladen hatte, noch nicht die Bühne für bekannte und weniger bekannte Größen der nationalen wie internationalen Jazz-, Rock-, Blues- und Folkszene bereitgestellt hatte.

Es ist die Zeit der späten 50er und frühen 60er Jahre, in denen die Kompositionen von Herbie Hancock, Wayne Shorter, Kenny Burrell und anderen, die einen Großteil des Repertoires von Quartessence ausmachen, infiziert von der back to the roots-Idiomatik des Hard Bop, den Jazz durch zunächst eher zaghafte Fusionierungsversuche mit Pop- und Rockelementen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Die vorgebliche Modernität dieses Ansatzes, die sich hauptsächlich aus dem »neuen« Klang elektrifizierten Instrumentariums begründete, verdeckte dabei nur unzureichend dessen restaurative und traditionelle Tendenzen. Denn die Stoßrichtung war klar: Die zunehmende harmonische und rhythmische Komplexität des Bebop der 40er Jahre, die zunehmende »Europäisierung« im Cool Jazz der 50er Jahre à la Tristano oder Gil Evans, sollte der erdigen Bodenständigkeit schlichterer blues- und gospelgetränkter Songstrukturen weichen, die ja auch das musikalische Rückgrat von Rock und Pop bildeten.

Das (vor allem auch kommerzielle) Erfolgsversprechen dieser Idee erfüllte sich spätestens mit den über 500 000 verkauften Exemplaren von Miles Davis’ jazz-rockenden Bitches Brew-Album im Jahr 1970 – dem Gründungsjahr des Omnibus. Es verwundert nicht, daß in den 90er Jahren gerade musikalisches Material aus dieser Hard Bop/Soul-Jazz-Epoche zum begehrten Sampling-Stoff der angesagtesten Dancefloor-DJs wurde. Unterlegt mit HipHop- und House-Beats, reichten selbst kleinste Schnipselchen Horace Silvers oder Cannonball Adderleys dazu aus, den maschinellen Rhythmen den funky Groove menschlichen Lebens in hypnotischer Intensität einzuhauchen.

Solche Art verkürzter Rezeption ist die Sache von Quartessence nicht. Behutsam suchen sie nach einem Mittelweg zwischen reiner Kopie des Originals, also musealer Traditionspflege, und zeitgemäßer Interpretation.

Das Zeitgemäße betrifft dabei in erster Linie das Klangbild und die rhythmische Gestaltung, die zweifellos ihre Anstöße aus den Boxen des Dancefloors erhalten haben. Vergleicht man beispielsweise die Quartessence-Version von Hancocks »Maiden Voyage« mit dem Original, so fällt sofort ins Ohr, daß der Klangschwerpunkt in den letzten 40 Jahren ziemlich weit in den Keller gerutscht ist und gleichzeitig die oftmals fast impressionistisch verhuschte, leichtfüßig tänzelnde Rhythmik der Vorlage einem kräftig akzentuierten, treibenden Beat Platz machen mußte.

Das verdankt sich zum einen dem recht fetten, funkgefärbten E-Bass-Sound von Hans-Peter Schrettenbrunner, zum anderen dem temperamentvoll harten, Snare- und Bassdrum betonenden Schlagzeugspiel Bernd Kremlings. Sitzt Michael Buttmann dazu noch am E-Piano und läßt seiner linken Hand – seinen »left people«, wie Lester Young zu sagen pflegte – zu viel Auslauf, nimmt die Transparenz im unteren Frequenzspektrum zeitweise allerdings rapide ab, der Klang wird tendenziell matschig und verschwommen.

Über all dem schweben in relativer Einsamkeit die Flügelhorn- und Trompetenlinien von Hans Molitor. Molitor ist sicher kein Freddie Hubbard oder Woody Shaw, muß und will das wohl auch gar nicht sein, obwohl sein Spiel deutlich in deren Richtung weist. Seine perfekte Technik und seine überaus geschmackssichere, melodische Gestaltungskraft haben allemal ihre eigenen Qualitäten. Über dem erdigen Fundament der Rhythmusgruppe gewinnen seine Linien eine melancholische Note, die zu durchaus heterogenen Assoziationen verführt. Einerseits fühlt man sich an jenen Effekt erinnert, der entsteht, wenn ein kleines Kind mit großer Begeisterung dem kecken Aufstieg seines mit Helium gefüllten Luftballons zusieht, bis es mit offenem Mund und großer Enttäuschung plötzlich feststellen muß, daß das Ding nicht mehr zu ihm auf die Erde zurückkehren mag; andererseits illustriert sich im scharfen Kontrast zwischen Fundament und Leadstimme sehr schön, und mit musikalischer Beredsamkeit, die historische Distanz zwischen den frühen 60er Jahren und heute, wird gewissermaßen ein kleines Panoptikum eines Ausschnitts der Jazzgeschichte in einem musikalischen Moment erschaffen.

Greift Buttmann zur Posaune, mildert sich die Schärfe des klanglichen Kontrastes merklich ab. Im zweistimmigen Satz von Trompete/Flügelhorn und Posaune liegen auch die ausgesprochenen Stärken der Buttmann’schen Eigenkompositionen, die sich ansonsten recht bruchlos in die Stilistik des dargebotenen Fremdmaterials einfügen.

Alles in allem kommt man letztlich doch wieder nicht an der Erkenntnis vorbei, daß der Mittelweg zwischen Konservativismus und Erneuerung auch im Jazz meistens nicht der goldene ist, nicht umsonst sind es die Lauen, also die nicht Heißen oder nicht Kalten, die der Herr nicht im Munde behalten wollte.

Vor deren Schicksal bewahrt sich Quartessence letztlich nur durch die immense Spielfreude und die unbestreitbare musikalische Kreativität jedes einzelnen Musikers. [jz]


copyright © 2008 michael buttmann (e-mail)